KONJUNKTURINDEX KONSENS

Ausgabe 2/2019 (15. November 2019)

3. QUARTAL 2019: konjunkturelle Abkühlung setzt sich wieder fort

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Liechtensteins Volkswirtschaft konnte dem weltwirtschaftlichen Abwärtstrend, der sich ab Mitte 2018 manifestierte, in der ersten Hälfte 2019 zwar noch trotzen. Mittlerweile hat sich die konjunkturelle Abkühlung seit Ende 2017 zeitverschoben aber wieder fortgesetzt und nun zu leicht rezessiven Tendenzen geführt. Der KonSens sank im 3. Quartal 2019 auf −0.5, gegenüber −0.1 im Vorquartal. Der negative KonSens-Wert zeigt an, dass Wachstum und gesamtwirtschaftliche Auslastung in Liechtenstein momentan unterdurchschnittlich sind (wenn auch nur leicht).

Was ist der KonSens?

Der Konjunkturindex „KonSens“ ist ein konjunktureller Sammelindikator, der vierteljährlich 16 liechtensteinische Einzelindikatoren in sich vereint, diese mit statistischen Methoden zu einem gleichlaufenden Signal zusammenfasst und so zeitnah verschiedene – teils auch widersprüchliche – konjunkturelle Impulse zu einem einheitlichen Bild verbindet. Er generiert für jedes Quartal einen Datenpunkt in Form eines von saisonalen Einflüssen und langfristigem Wachstumstrend bereinigten Indexwertes, der als normierte Kapazitätsauslastung (Boom/Rezession etc.) der Gesamtwirtschaft interpretiert werden kann. Der KonSens stellt eine konzeptionelle Erweiterung zur üblichen Abstützung auf das Bruttoinlandsprodukt dar und liegt zudem früher sowie mit höherer Frequenz als das in Liechtenstein jährlich publizierte BIP vor. Er wurde im August 2019 zum ersten Mal publiziert und umfasst Quartalswerte seit dem zweiten Quartal 1998 bis heute. Zukünftig wird Mitte jedes Quartals der KonSens-Wert für das Vorquartal veröffentlicht. Die liechtensteinische Regierung unterstützt das KonSens-Projekt finanziell. 
 

Warum ist der Konsens nützlich?

  • Wofür Konjunkturanalyse?

    Die Konjunkturanalyse ist ein wichtiger Bestandteile der volkswirtschaftlichen Forschung, deren Ergebnisse für Politik, Verwaltung und Unternehmen von unmittelbarer Relevanz sind. Ziel der Konjunkturanalyse ist es, den Konjunkturverlauf möglichst zutreffend und zeitnah zu beschreiben und zu erklären (während sich im Gegensatz dazu die Wachstumsanalyse der langfristigen volkswirtschaftlichen Entwicklung widmet). Für Wirtschaft, Wirtschaftspolitik und wissenschaftliche Konjunkturanalyse ist es von grosser Bedeutung, möglichst genau und früh zu wissen, an welchem Punkt eines Konjunkturzyklus sich die Wirtschaft gerade befindet. Ähnlich wie bei Wetterprognosen stellt die richtige Analyse der Vergangenheit und der aktuellen Lage eine essentielle Voraussetzung für die Einschätzung der zukünftigen Entwicklung dar. Im Gegensatz zur vergleichsweise eindeutig bestimmbaren aktuellen Wettersituation ist es aber nicht einfach festzustellen, in welcher konjunkturellen Phase die Wirtschaft sich gerade befindet. Die momentan verfügbare Datenbasis in Liechtenstein erschwert dies noch, beispielsweise liegt eine erste offizielle Schätzung des BIP erst mit über einem Jahr Verzögerung vor und nur in jährlicher Frequenz. Zudem ist die ausschliessliche Abstützung auf schweizerische Indikatoren nicht optimal, unter anderem wegen dem nachgewiesenen, statistisch signifikanten Konjunkturvorlauf (Brunhart 2018) Liechtensteins gegenüber der Schweiz.

  • Was ist der Vorteil von konjunkturellen Sammelindikatoren gegenüber Einzelindikatoren?

    Konjunkturindikatoren spielen in der Analyse und Prognose der konjunkturellen Entwicklung eine wichtige Rolle. Im Wesentlichen können alle Daten, welche für die Konjunkturanalyse relevant sind, als Konjunkturindikatoren bezeichnet werden. Dabei ist nicht nur die jeweilige Entwicklung der einzelnen Variablen (wie zum Beispiel BIP, Aussenhandel oder Arbeitslosigkeit) von Bedeutung, sondern auch das Gesamtbild, welche sie ergeben. Dies gilt sowohl für die deskriptive Interpretation, wie auch für statistische Modelle in Konjunkturtheorie, -analyse oder -prognose. Durch den Konjunkturindex KonSens wird ein neuer und gesamtwirtschaftlicher Konjunkturindikator geschaffen, der früher und häufiger als andere Masszahlen makroökonomischer Aktivität zur Verfügung steht. Er erreicht eine Zusammenfassung von verschiedenen einzelnen Konjunkturindikatoren aus verschiedenen Bereichen und in divergierenden Dimensionen oder Masseinheiten. Gegenüber der Fokussierung auf einzelne Konjunkturindikatoren hat die Verwendung eines konjunkturellen Sammelindikators wie dem KonSens auch direkte methodische und statistische Vorteile: Die Volatilität – die im Klein(st)staat Liechtenstein üblicherweise sehr hoch ist – wird reduziert, einander ergänzende Informationen kombiniert und eine bessere Übertragung von konjunkturellen Impulsen erreicht. Sammelindizes bilden für Konjunkturanalyse und -prognose weltweit eine prägende Rolle, Beispiele aus der Schweiz sind der (gleichlaufende) SNB Business Cycle Index oder das (vorlaufende) KOF Barometer.

  • Wie ist der KonSens zu interpretieren?

    Der KonSens liefert wertvolle konjunkturrelevante Hinweise zur wirtschaftlichen Lage Liechtensteins, indem er das aufwendige Studium verschiedener Daten aus unterschiedlichen Quellen und Publikationen vereinfacht. Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Zustand von Liechtensteins Konjunktur und weniger auf deren Determinanten/Einflüsse. Der KonSens gibt für jedes Quartal Auskunft, wie sich die Konjunktur im Vergleich zu den vorherigen Quartalen (bis 1998 zurück) entwickelt hat und ob die Konjunktur im langfristigen Vergleich im entsprechenden Quartal überdurchschnittlich (positives Vorzeichen der KonSens-Werts) oder unterdurchschnittlich (negatives Vorzeichen) ist. Der standardisierte Index (Mittelwert 0, Standardabweichung 1) und damit einfach zu interpretierende KonSens-Wert liefert den Medien, der öffentlichen Verwaltung, Aufsichtsbehörden, politischen Entscheidungsträgern, Verbänden, Unternehmungen, der ökonomischen Forschung und der breiten interessierten Öffentlichkeit zeitnah wichtige Informationen zum Konjunkturverlauf in Liechtenstein. In Form des KonSens entsteht zudem eine zentrale Referenzreihe für quantitative oder qualitative Prognose und kann direkt für Monitorings und Untersuchungen über die Konjunkturanalyse im engeren Sinne hinaus verwendet werden (z. B. für makroprudenzielle Aufsicht der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein).

Zusätzliche Infos zum Konsens

  • Wie wird der Konsens berechnet?

    Die folgenden Einzelindikatoren fliessen in die Berechnung des KonSens ein: 

     

    • Warenhandel: Direkte Güterexporte, direkte Güterimporte
    • Arbeitsmarkt: Beschäftigung, Zupendler, Arbeitslose, offene Stellen
    • Konjunkturumfrage: Allgemeine Lage, Anlagenauslastung, Auftragseingänge, Erträge
    • Andere Indikatoren: Aktienkurse, Elektrizitätsverbrauch, Fahrzeugneuzulassungen, Logiernächte, Konsumstimmung, Preise

     

    Die einzelnen Variablen werden zeitreihenanalytischen Datentransformationen unterzogen: Potenzielle Saison- und Kalendereffekte werden herausgerechnet, der langfristige Wachstumstrend beseitigt und die in Geld gemessenen Grössen preisbereinigt. Die Aggregation der Einzelvariablen zum KonSens-Wert geschieht per Hauptkomponentenanalyse, einem statistischen (multivariaten) Algorithmus. Eine ausführliche methodische Darstellung und Präsentation des KonSens findet sich in Brunhart 2019.

  • Was bedeutet der Name

    Der Name „KonSens“ spiegelt zum einen die Vorstellung des Konjunkturzyklus als Konsens aus verschiedenen einzelnen konjunkturellen Impulsen. Das aus den verschiedenen liechtensteinischen Konjunkturindikatoren herausgefilterte gemeinsame Signal kann also als Konsens vieler einzelner Signale bezeichnet werden. Zum anderen ist der Name „KonSens“ die Abkürzung für „Konjunktur-Sensor“, also für ein Sensorium der konjunkturellen Lage der liechtensteinischen Volkswirtschaft.

  • Warum wird der KonSens erst Mitte des darauffolgenden Quartals publiziert?

    Die Publikationsverzögerung von eineinhalb Monaten ist im Vergleich nicht hoch (das vierteljährliche BIP der Schweiz beispielsweise wird mit fast zwei Monaten Verzögerung publiziert) und auf jeden Fall eine enorme Verkürzung gegenüber der Verzögerung bei anderen volkswirtschaftlichen Aggregaten zu Liechtenstein. Sobald alle Einzeldaten, welche in den KonSens Eingang finden, verfügbar sind, kann der KonSens zeitnah berechnet und publiziert werden. Der KonSens stellt zudem einen wichtigen ersten Schritt dar, weitere Tools zur Konjunkturanalyse können direkt darauf aufbauen, beispielsweise eine qualitative KonSens-„Prognose“ des aktuellen Quartals, welche in Zukunft getestet werden soll.

Kontakt

Dr. Andreas Brunhart, Forschungsleiter Wirtschaft
andreas.brunhart(at)liechtenstein-institut.li

Elias Hasler, Studentischer Mitarbeiter Fachbereich Wirtschaft
elias.hasler(at)liechtenstein-institut.li

Für vierteljährliche Newsmitteilung zur KonSens-Veröffentlichung bitte Mail an
info(at)liechtenstein-institut.li