Wie interpretiert die Bevölkerung makroökonomische Entwicklungen?

26.10.2020 - Publikationen
Der Beitrag “How do people interpret macroeconomic shocks? Evidence from U.S. survey dataˮ von Martin Geiger wird im Journal of Money, Credit, and Banking (JMCB) publiziert. Das JMCB ist eine führende Fachzeitschrift, die von Forschern und politischen Entscheidungsträgern in den Bereichen Geld und Bankwesen, Kreditmärkte, Regulierung von Finanzinstitutionen, internationaler Zahlungsverkehr, Portfoliomanagement sowie Geld- und Fiskalpolitik gelesen und herangezogen wird.

Gemeinsam mit Johann Scharler (Universität Innsbruck) beleuchtet Geiger die Effekte konjunktureller Entwicklungen auf die Erwartungen der allgemeinen Bevölkerung und die Erwartungen von Wirtschaftsprognostikern. Indem Erwartungen wirtschaftliche Entscheidungen und somit das Spar-, Konsum- und Investitionsverhalten beeinflussen, hat die Interpretation makroökonomischer Entwicklungen Einfluss auf die Verbreitung konjunktureller Schocks. 

Unter Verwendung von Umfragedaten untersuchen die Autoren, wie die allgemeine Bevölkerung konjunkturelle Schwankungen, die von der Nachfrage, der Produktion oder der Geldpolitik ausgelöst werden, verarbeitet. Die vorgestellten Ergebnisse belegen, dass die von der Bevölkerung im Durchschnitt erwarteten Effekte dieser Schwankungen auf Arbeitslosigkeit, Inflation und Zinsen weitgehend mit makroökonomischer Theorie übereinstimmen. Ausserdem sind die Einschätzungen der Bevölkerung qualitativ ähnlich wie die professioneller Wirtschaftsprognostiker.

In den Wirtschaftswissenschaften war die dominante Sichtweise der letzten Jahrzehnte, dass die Bildung von Erwartungen ein bewusster und fordernder Prozess ist, da er die kognitive Verarbeitung von Wirtschaftsdaten einschliesst. Demnach sind wirtschaftliches Verständnis und statistische Fähigkeiten notwendig, um Erwartungen über zukünftige Entwicklungen zu bilden. Diese Kompetenzen werden zwar professionellen Wirtschaftsprognostikern von Forschungsinstitutionen, Geschäfts- und Notenbanken zugeschrieben, nicht aber der allgemeinen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund ist die relativ akkurate Interpretation konjunktureller Entwicklungen seitens der Bevölkerung überraschend.

Die Resultate zeigen jedoch auch, dass die Fähigkeit der Allgemeinheit, makroökonomische Entwicklungen zu verarbeiten, begrenzt ist. Nur ein geringer Teil der Anpassungen von Erwartungen der Bevölkerung kann tatsächlich mit makroökonomischen Entwicklungen erklärt werden. Das weist auf sogenannte rationale Unaufmerksamkeit (rational inattention) hin, die eine prominente Rolle in der Erwartungsbildung zu spielen scheint. Konjunkturelle Entwicklungen haben zwar signifikante Effekte auf die Erwartungsbildung der Bevölkerung, insgesamt ist ihr Einfluss auf die Erwartungsbildung aber gering.