Frommelt, Fabian (2020): Liechtenstein jubiliert. Zur Entwicklung und Bedeutung historischer Jubiläen in einem mitteleuropäischen Kleinstaat. Bendern (Beiträge Liechtenstein-Institut, 47).

Publication year:
2020
Volume:
47

Abstract
Die liechtensteinische Staatswerdung wurde in den vergangenen 120 Jahren immer wieder ausgiebig gefeiert. In drei Jubiläumsabfolgen (1899–1919, 1949–1969 und 1999–2019) feierte das Land den 200., den 250. und den 300. Jahrestag des Erwerbs der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz durch das Fürstenhaus Liechtenstein (1699 respektive 1712) und der Erhebung zum Fürstentum Liechtenstein (1719) sowie den 150. und den 200. Jahrestag der Erlangung der Souveränität (1806).

Besonders die ersten Staatswerdungsfeiern von 1899 und 1912 sowie die Feiern nach dem Zweiten Weltkrieg (1949, 1956) lösten in der Bevölkerung grosse Begeisterung aus: Sie entsprachen offenbar dem Bedürfnis, die Eigenstaatlichkeit des Kleinstaats nach innen und aussen zu dokumentieren und eine liechtensteinische, „nationale“ Identität zu stiften und zu bekräftigen. Wesentlicher Faktor dieser Identität waren die monarchische Staatsform und die regierenden Dynastie. Deren Stellung wurde durch die überschwänglichen patriotischen Feiern gestärkt, auch wenn der ab 1921 bestehende „Dualismus“ – die Verankerung der Staatsgewalt im Fürsten und im Staatsvolk – allmählich zu mehr Nüchternheit führte. Eigenstaatlichkeit, Identitätsstiftung und Herrschaftslegitimation blieben in der dritten Jubiläumssequenz (1999–2019) die zentralen politischen Funktionen der Feiern, die nun aber zusehends unter dem Zeichen aktueller Agenden wie der Verfassungsdiskussion (1999, 2006, 2012) und einer zunehmenden Ökonomisierung (2019) standen. Andere Werte wie der Katholizismus und der Traditionalismus büssten an Bedeutung ein.

Im Dienst der zentralen politischen Dimension der Jubiläen standen lange auch deren kognitive, religiöse und ästhetische Dimensionen: Das von der Geschichtsschreibung verbreitete obrigkeitliche Geschichtsbild wurde mit dem Erklärungsmuster der «göttlichen Vorsehung» gestützt und in Festspielen, Umzügen und Kinderprogrammen popularisiert. Dies änderte sich tendenziell in der jüngsten Jubiläumsequenz ab 1999. Unbedeutend blieb stets die moralische Dimension der Geschichtskultur: Die Jubiläen feierten die Landesgeschichte als „Erfolgsgeschichte“. Die Frage nach den Schattenseiten der Entwicklung fand kaum Raum.

Schlagwörter: Erinnerungskultur, Geschichtskultur, Herrschaftslegitimation, Identität, Jubiläen, Kleinstaat, Liechtenstein, Monarchie, nationale Identität