Wir leben immer in der Zeitgeschichte

06.02.2019
Gastbeitrag von Peter Geiger │ Was heute geschieht, das ist morgen schon Geschichte, sagt man. Doch hätte ich gestern ein Bein gebrochen, wäre es heute nicht vorbei. Als Folge trüge ich eine Schiene, auch länger noch, in die Zukunft hinein. Geschehenes wirkt fort. So ist es mit der Zeitgeschichte.

Die unmittelbar vergangene Zeit zu kennen, hilft, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten. Beim banalen Beinbruch: Wie und warum geschah er? Wie passe ich fortan auf? Bleibt ein Dauerschaden? Oder, weiter zurück, ernster: Warum zum Beispiel kam es zur Weltwirtschaftskrise ab 1929? Wie begegnete man ihr hierzulande? Was für Auswege suchten verschiedene Gruppen wie Freiwirtschaft, Heimatdienst, Arbeiterverband, NS-Anhänger? Was tat der Staat? Was war wirksam? Wie lebten einzelne Menschen und Familien konkret? Und welche Lehren zog man nachher? Bis heute, für die Zukunft, für Arbeit, Sicherheit, sozialen Frieden?

Geschichte der Mitlebenden
Zeitgeschichte kam man definieren als Geschichte der Mitlebenden. Das umfasst drei bis vier Generationen. Der vor Kurzem verstorbene Baron Eduard von Falz-Fein war eine Person der Zeitgeschichte. Geboren 1912, gestorben 2018, hat er als Kind noch die Russische Oktoberrevolution und danach das ganze weitere 20. Jahrhundert und die ersten fast zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts erlebt. Die Ältesten und Älteren erinnern sich noch an den Kanalbau, an die NS-Bedrohung, den verheerenden Zweiten Weltkrieg, die Gründung der UNO, den wirtschaftlichen Aufschwung, die AHV-Einführung, den Kalten Krieg mit atomarem Wettrüsten, die Dekolonisierung, die Mondlandung, die vielen neuen Konflikte bis heute. Ebenso an den Ausbau der Dörfer im Lande, die zunehmende Mobilität, den Sport- und Freizeitboom, die Entwicklung der Schreib- und Kommunikationsmittel, von der Schreibmaschine zu PC und Tablet, vom Telefon zum Handy, vom papierenen Lexikon zum WWW, vom (vermeintlich) einfachen Leben zur babylonischen Unübersichtlichkeit. Es ist gut zu wissen, wie es gekommen ist.

 

„Oral History“
Bei der Erforschung der Geschichte der Mitlebenden eröffnet sich die Möglichkeit, lebende Zeitgenossen zu befragen und ihren Erinnerungsschatz zu nützen, neben schriftlichen, bildlichen und dinglichen Quellen. „Oral History“ nennt man die Methode, mündliche Geschichtsforschung. Freilich unterliegt auch sie der Quellenkritik. Persönliche Erinnerung gibt Einblicke, die sich aus schriftlichen Quellen nicht erschliessen. Der Forscher fragt etwa zum Zweiten Weltkrieg: Warum sind Sie als Waffen-SS-Mann eingerückt? Wie haben Sie, Herr Pfarrer, das Nebeneinander von NS-Anhängern und Gegnern in der Kirche empfunden? Wie haben Sie, Durchlaucht, beim Besuch in Berlin Hitler erlebt?

Liechtensteinische Zeitgeschichte
Heutige Zeitgeschichte umfasst, von Land zu Land teils abweichend, in etwa die Zeit seit den 1920er-Jahren bis zur Gegenwart. Sie ist für Liechtenstein gut und vielfältig erforscht und zugänglich, durch Bücher und Beiträge von Forschenden zu bestimmten Zeiten und Themen, durch Quelleneditionen, durch das Historische Lexikon (HLFL). Zu jüngeren Abschnitten der Zeitgeschichte harrt naturgemäss Manches der Erforschung. Wünschenswert wären auch Memoiren (Erinnerungen), wie sie Walter Kieber als Ausnahme 2006 publiziert hat. Schaut man weiter zurück, von Generation zu Epoche, so hatte jede Zeit auch ihre jeweilige Zeitgeschichte.

Vor 5000 Jahren lebten Menschen oben auf dem Lutzengüetle. Wir wissen dank archäologischer Untersuchungen, dass sie Pfostenhäuser, Feuerstellen, Keramikgefässe, Werkzeuge aus Stein, Holz und Knochen besassen, Fleisch und Beeren verzehrten. Versetzen wir uns in ihre Zeit – und Sprache – und fragen wir sie denn: Wie nennt ihr euch? Was für eine Sprache redet ihr? Wie viele seid ihr? Woher seid ihr gekommen? Habt ihr alle gleiche Augen und Haare? Wie beschafft ihr Nahrung, heute und früher? Wie kleidet ihr euch? Wer sagt, was zu tun ist? Wie diskutiert, streitet, straft ihr? Wo liegen eure Toten? Und: Glaubt ihr an unsichtbare Mächte? Wie erklärt ihr den Gang von Sonne, Mond und Sternen? Blitz, Donner, Regenbogen, Tau? Und: Was war bei euch früher? Was erhofft ihr in Zukunft? Und: Was findet ihr schön? Könnt ihr singen? Spielt ihr, was, wo? Auch überm Maurer Riet oder drunten auf einer Rheininsel? Hoppla – wir sind zurück in der aktuellen Zeitgeschichte!

Über den Verfasser
Peter Geiger ist Historiker und ehemaliger Forschungsbeauftragter am Liechtenstein-Institut im Bereich Geschichte.

Geschichte wozu? Eine Artikelserie des Liechtenstein-Instituts
Mit der Beitragsserie „Geschichte wozu?“ möchte das Liechtenstein-Institut die gesellschaftliche Bedeutung der Geschichte der Geschichtsforschung in ihren verschiedenen Facetten. Dieser Gastbeitrag erschien im Liechtensteiner Volksblatt vom 6. Februar 2019.

„Wir leben immer in der Zeitgeschichte“Gastkommentar von Peter Geiger, Liechtensteiner Volksblatt, 6.2.2019. 


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