Museumsobjekte als Geschichtsquellen

16.05.2019
Gastbeitrag von Markus Burgmeier │Gutenberger Votivstatuetten, Fastentücher, Alpabfahrtsherzen, Holzrechen, Hochvakuumbedampfungsanlage, Beigla, Mobiltelefone, römische Münzen, Torfspaten, Schulbank, Glühbirnen ... Diese Dinge befinden sich alle in liechtensteinischen Museen und historischen Sammlungen und sind nur ein winziger Teil der gesamten Sammlungsbestände in Liechtenstein, die mehrere Hunderttausend Objekte umfassen. Diese Objekte gewähren uns einen Einblick in unsere Geschichte, in das Leben und den Alltag von früher. Sie sind das gegenständliche Gedächtnis Liechtensteins.

Doch wie können Objekte wieder «zum Sprechen» gebracht werden? Welche Aufgaben haben dabei Museen und Sammlungen? Und wie sind die liechtensteinischen historischen Sammlungen überhaupt entstanden? 
  

Die Aufgaben von Museen
Museen sind wie Archive und Bibliotheken sogenannte Gedächtnisinstitutionen. Diese öffentlichen Einrichtungen sammeln, bewahren und vermitteln kulturelles Erbe und Wissen. Während Archive Dokumente und Unterlagen zur Tätigkeit des Staates, von Gemeinden, Organisationen oder Personen sichern und Bibliotheken publizierte Informationen in ihren verschiedenen Formen bewahren, werden von Museen die materiellen Zeugnisse der Menschen und ihrer Umwelt gesammelt, bewahrt, erforscht und vermittelt.

 

Ab dem späten 19. Jahrhundert gab es in Liechtenstein Bemühungen, die Abwanderung von altem, wertvollem Kulturgut ins Ausland zu unterbinden. Aus der damals angelegten Sammlung ging 1972 das Liechtensteinische Landesmuseum hervor. Die übrigen historisch-volkskundlichen Sammlungen in Liechtenstein entstanden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dies ist zum einen im Kontext einer Aufbruchsphase von Wirtschaft, Bildung und Kultur zu sehen. Zum anderen war es auch eine Reaktion auf die Entfremdung von der früheren, bäuerlichen Lebenswelt durch den rasanten wirtschaftlichen Wandel im Zuge der zunehmenden Industrialisierung.

 

Kommunale Kulturgütersammlungen
Ab den 1960er-Jahren wurde in den meisten Gemeinden mit dem Aufbau von Kulturgütersammlungen begonnen. Dank Schenkungen und Leihgaben aus der Bevölkerung sind diese Sammlungen in den letzten Jahrzehnten jeweils auf mehrere Tausend Objekte angewachsen. Da sich jedoch das Leben und Arbeiten der Menschen von einer Gemeinde zur anderen kaum unterschieden, ähneln sich die Sammlungsbestände in gewissen Teilbereichen stark. Hier gilt es zukünftig vermehrt, das jeweilige Sammlungsprofil zu schärfen und Schwerpunkte zu setzen, indem z.B. örtliche Besonderheiten in den Vordergrund gestellt werden.

 

Mittlerweile werden alle kommunalen Sammlungen von fachkundigen Mitarbeitenden betreut. Zur Betreuung gehören das Inventarisieren und Dokumentieren der Sammlungsbestände, eine sachgerechte Lagerung der Objekte sowie konservatorische bzw. restauratorische Massnahmen. Seit einigen Jahren findet ein regelmässiger Austausch zwischen den Sammlungsverantwortlichen statt. Vergangenes Jahr konnten zudem die Datenbanken von neun Sammlungen zu einer gemeinsamen digitalen Objektdatenbank zusammengeschlossen werden. Dies erleichtert den wissenschaftlichen Austausch unter den einzelnen Institutionen, das Planen von Ausstellungen sowie den gesamten Leihverkehr.

 

Objekte «zum Sprechen» bringen
Ein Auftrag von Museen und Sammlungen ist es, ihre Sammlungsbestände der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und die Objekte wieder «zum Sprechen» zu bringen – Objekte, die aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgenommen und uns vielfach fremd geworden sind. Es geht darum, die Bedeutung der Objekte und das Wissen über sie weiterzugeben und sie im Kontext ihrer Zeit zu verstehen. Damit helfen die Objekte uns, unser Wissen über die Vergangenheit zu erweitern. Sie sind Relikte vergangener Zeiten und damit Geschichtsquellen, die uns andere Aspekte der Geschichte vermitteln, als es Schriftquellen tun. Und wie bei allen Geschichtsquellen liegt auch der Erschliessung und der Interpretation von Objekten ein bestimmtes Geschichtsbild zugrunde, das sich im Laufe der Zeit verändern kann.

 

Im Museum wird der Vermittlungsauftrag auf verschiedene Arten wahrgenommen: Die zentralste ist die Ausstellung selbst. Daneben werden Führungen und Begleitprogramme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ausgearbeitet und Begleitpublikationen herausgegeben. 

 

Weltweit schliessen sich immer mehr GLAM-Institutionen (GLAM = galleries, libraries, archives, museums) zusammen, um ihre Bestände online frei zugänglich zu machen. Auch in Liechtenstein gibt es Bemühungen, die digitale Sammlungsdatenbank für die Allgemeinheit öffentlich zu machen, um das Wissen um das liechtensteinische gegenständliche kulturelle Erbe mit allen zu teilen.

Über den Verfasser
Markus Burgmeier, Leiter des Kulturzentrums Alter Pfarrhof Balzers und Hauptverantwortlicher der Balzner Sammlungen

 

Geschichte wozu? Eine Artikelserie des Liechtenstein-Instituts 
Mit der Beitragsserie „Geschichte wozu?“ möchte das Liechtenstein-Institut die gesellschaftliche Bedeutung der Geschichte der Geschichtsforschung in ihren verschiedenen Facetten. Dieser Gastbeitrag erschien im Liechtensteiner Volksblatt vom 16. Mai 2019. 



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