[Auszug aus der Eröffnungsansprache des Präsidenten, Dr. Guido Meier, anlässlich der Akademischen Feier vom 17. Mai 1998 zur Eröffnung des neuen Gebäudes des Liechtenstein-Instituts in Bendern]
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 Dr. Guido Meier, Präsident des Liechtenstein-Instituts
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„Das ist das Liechtenstein-Institut: Bemühen um Fragen, die sich uns als Staat, als Volk, als Land, als Wirtschaftsraum jetzt und in der Zukunft stellen, stets mit Blick nach vorne und zurück, vergleichend, aus Erfahrung lernend, projizierend, unabhängig, für unser Land, das uns lange erhalten bleiben soll, nachhaltig, wie man heute sagt, mit Konstanz inmitten der Wandlungen.
Mit viel Liebe für unser Land und kritischem Geist und Engagement wurde das Liechtenstein-Institut vor 13 Jahren unter den damaligen Gründern diskutiert, vor 11 Jahren gegründet, vor 10 Jahren eröffnet. Es wurde seither viel geforscht und die Ergebnisse in Vorträgen, Seminaren, Publikationen hinausgetragen, so dass damit gearbeitet werden kann.
Werfen Sie einen Blick allein in die Liste unserer Publikationen. Unsere schnelllebige Zeit wirft auch schnell neue Fragen und Probleme für unser Land auf, die es vertieft zu reflektieren gilt, denen man systematisch und wissenschaftlich auf den Grund gehen muss, unter anderem auch darauf zu prüfen hat, ob sie wirklich so neu sind oder ob wir sie in anderer Verkleidung schon einmal hatten und sie uns in einer bestimmten Weise heute handeln lassen. Trotz der reichen Themenbearbeitung bisher sind es heute der Themen nicht weniger geworden, die einer gründlichen, wissenschaftlich sauberen Erarbeitung rufen. Wir sind exponiert in Liechtenstein, rasanter Entwicklung unterworfen, mannigfachen Einflüssen ausgesetzt und deshalb um so verwundbarer, wenn wir unsere Situation und Identität nicht beizeiten erkennen und gestalten. Dr. Gerard Batliner, Initiant und Promotor zur Gründung des Liechtenstein-Instituts, während der vergangenen 11 Jahre Vorsitzender des wissenschaftlichen Rates, hat in seiner Ansprache zur Eröffnung des Instituts am 22. August 1987 in diesem Saal die Ausgangslage für die Liechtenstein-Forschung wie folgt umschrieben: «Liechtenstein ist ein kleiner, unabhängiger Staat mit spezifischer Verfassung, einer weltweit ausgerichteten Wirtschaft, einer Gesellschaft mit eigentümlich gemischter Zusammensetzung, ausgeprägt im Eigenbewusstsein und mit besonderer Geschichte. Kleinheit und Randlage sind bestimmende Charakteristika für Liechtenstein.»
Wir glauben auch nach 10 Jahren Forschung und Beschäftigung mit Liechtenstein an den Sinn des kleinen Staates und daran, dass es sinnvoll ist, die Welt «mit den Augen des Nichtmächtigen zu betrachten, des vom Frieden Abhängigen und desjenigen, der auf den Schutz des Rechtes angewiesen ist.» (G. Batliner)
Die Voraussetzungen für die Beschäftigung mit Liechtenstein sind seither in ihrem Kern nicht anders geworden, nur sind die Entwicklungen schneller, radikaler, tiefgreifender. Vieles wurde in den vergangenen 10 Jahren grundsätzlich in Frage gestellt durch Entwicklungen, die, so scheint es, plötzlich über uns hereingebrochen sind, so dass manch einer das Gefühl hat, den Boden unter seinen Füssen und seine Orientierung zu verlieren, nicht mehr recht zu wissen und beurteilen zu können, wo er heute steht und wo es hingehen soll mit Liechtenstein, unserer Heimat, Umwelt, Lebensraum, Kultur. Hier Orientierungshilfe zu liefern, Gestaltungswerkzeuge zur Verfügung zu stellen, erachten wir als unsere vornehmste Aufgabe.
Und wir scheuen uns nicht, heikle Aufgaben, heisse Themen aufzugreifen, die der Auseinandersetzung rufen, die in einem demokratischen Staatswesen mit periodischen Wahlen und politischen Vierjahres-Horizonten, die in unseren kleinen Verhältnissen, in unserem wirtschaftlichen Wohlergehen und Individualismus allzu oft als unangenehm verdrängt werden, dann weitermodern und unter Umständen zu ungelegenem Zeitpunkt oder zu spät und wenig konstruktiv aufbrechen.
Voraussetzungen dafür, diese Aufgaben wahrnehmen zu können, sind die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit sowie die Freiheit der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrtätigkeit, möglichst frei von Furcht vor persönlichen Nachteilen.
Wir leben in einer Zeit, da man sich mit den Entwicklungen befassen muss um mithalten zu können: in einer Zeit, da unsere Verfassung in Frage, die Monarchie vom Monarchen selbst zur Disposition gestellt wird, wo liechtensteinisches Selbstverständnis in Frage gestellt ist. Namhafte Kenner unseres Verfassungslebens haben im Liechtenstein-Institut Vorlesungen, Publikationen, Ergebnisse von langen Forschungen zusammengetragen, zentrale Fragen unserer Verfassung wissenschaftlich ergründet und begründet, ihre Entstehungsgeschichte erläutert: Batliner, Kieber, Hoch, Wolff, Wille, Riklin, Quaderer.
In einer Zeit, da unsere Rechtsordnung und Rechtsprechung Orientierungshilfe und Überblick inmitten von Wandlung und Informationsflut dringend benötigt, haben Höfling über die Grundrechtsordnung, Wille über die verfassungsgerichtliche Normenkontrolle, Kley über die Verwaltungsrechtsprechung gearbeitet.
In einer Zeit, da sechzehnhundertjähriges Selbstverständnis im kirchlichen Verbund mit Chur, von dem Oberbendern Zeugnis ablegt, mit einem Schlag und Federstrich weggewischt wird und wir uns am nächsten Morgen die Augen reiben, steht das Verhältnis von Kirche – Volk – Staat – Monarchie zur Diskussion: Herbert Wille ist ein ausgewiesener Experte zum rechtlichen Verhältnis von Staat und Kirche.
In einer Zeit, da die Wirtschaftsentwicklung so rasend schnell vorwärts geht, immer mehr von aussen gesteuert und äusseren Einflüssen unterworfen ist, die Bevölkerungsentwicklung, Durchmischung und Einflüsse immer schwerer durchschaubar werden, mit der Öffnung und Integration Liechtensteins in Europa und der Welt die Karten für unser Land neu gemischt werden – Stichworte sind UNO-, Europarat-, WTO- und insbesondere EWR-Beitritt – haben Leute des Liechtenstein-Instituts mit hochstehender Fachkompetenz und internationalem Blick Grundlagen erarbeitet, auf die wir bauen konnten. Sie haben Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung geleistet, zum besseren Verständnis, wie und was uns geschieht, beigetragen: Bruha über Integration, Baudenbacher über den EWR, neu Prange über die wirtschaftlichen Auswirkungen des EWRs auf Liechtenstein und Gstöhl über kleinstaatliche Optionen der Kleinstaaten. Und manchmal kommen mir Zweifel, ob wir unsere Kleinheit und unsere Proportionen und Beschränkungen noch richtig erkennen und entsprechend handeln.
In einer Zeit, da die Bedeutung und Wandlung des kulturellen Lebens, unserer Mischkultur, zu hinterfragen sind, ist Kellenberger den Zusammenhängen von Kultur und Identität im kleinen Staat nachgegangen, der Frage, ob und wie wir noch eine kulturelle Identität haben und ob wir sie bewahren können. Wir müssen uns dringend und vermehrt fragen, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen sollen, denn wenn wir unsere Identität nicht selber definieren und diese gestalten, so tun es andere und äussere Faktoren für uns und wir verlieren uns selber.
In einer Zeit, da wir uns vermehrt fragen müssen, wie unser politisches System nach Rechtsregeln, und auch sonst, funktioniert, hat Waschkuhn ein grundlegende Arbeit über Kontinuität und Wandel im liechtensteinischen politischen System vorgelegt.
Wir müssen uns fragen, wie wir mit unserem mehr als anderswo fliessenden Geld umgehen: Gantner und Heeb haben den öffentlichen Haushalt und die staatliche Aufgabenerfüllung in Liechtenstein aus finanzwissenschaftlicher Sicht analysiert.
In einer Zeit, da unser Boden, unsere Lebensgrundlagen schnellem Verbrauch unterworfen sind und rarer werden und Landesplanung dringend Not täte und die Verteilung des Bodens nach eigenen Kriterien geschieht, hat Wytrzens über den Bodenmarkt in Liechtenstein gearbeitet.
In einer Zeit, da wir uns unseres Grenzdaseins noch viel mehr bewusst werden und werden müssen, hat uns Gret Haller ihre Gedanken zum Thema „Grenzen“ vorgetragen.
In einer Zeit, da wir immer mehr der Versuchung anheimfallen, unser Land durch Industrieumsatzzahlen, Bankbilanzen, Bruttosozialprodukte und Standortvorteile alleine zu sehen und zu definieren, hat Dorothée Sölle über den Menschen als homo öconomicus gesprochen.
In einer Zeit, da wir uns fragen, welche Zukunft ein kleiner Staat im heutigen Europa hat, hat Roman Herzog, über die Zukunft von Kleinstaaten in Europa einen Vortrag gehalten.
In einer Zeit, da das Verhalten der Staaten im Zweiten Weltkrieg von aussen unter die Lupe genommen und neu aufgerollt wird, von aussen unangenehme Fragen gestellt werden, hat Geiger am Liechtenstein-Institut mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung dieser Fragen schon vor 10 Jahren begonnen. Quaderer hat vor 5 Jahren mit der Aufarbeitung der Geschichte Liechtensteins im und nach dem Ersten Weltkrieg begonnen.
Damit sollen einige wichtige Schaffensergebnisse und Namen im Liechtenstein-Institut erwähnt werden. Viele Arbeitsergebnisse aus dem Liechtenstein-Institut gehören heute zum Wissensstand in Staat, Politik, Gerichten, Volk und Kultur Liechtensteins. Diese Arbeiten sind Erkenntnisgrundlagen geworden, auf die man wie selbstverständlich zurückgreift und im entsprechenden Buch nachschlägt – das ist gut so. Vor 10 Jahren konnte man dies bei vielen Fragen nicht tun. Und dass solche Themenbearbeitungen gelegentlich Tabus brachen und auch zu öffentlichen Kontroversen führten, liegt in der Natur der Sache, im Aufgreifen eines Themas an sich oder manchmal erst in der gründlichen Beschäftigung damit. Heute kann man mit vielem im Land dank der Vorarbeit des Liechtenstein-Instituts gelöster umgehen.
Etwas abgehoben auf dem Kirchhügel, kritisch, nicht auf bestimmte Weltanschauungen festgelegt und doch mittendrin – so soll das Liechtenstein-Institut sein.“